Madeira – nur ein Zufall?

Stell dir vor, du wärst ein Matrose während der Blütezeit des Kolonialismus, der Weltentdeckung und der grossen Schiffe; monatelange Reisen mit nichts als Meer rundherum, ein Schiff voll mit anderen Matrosen, und Essen, das wir hier gar nicht weiter beschreiben möchten…  Es ist unschwer zu sehen, dass in dieser Zeit Alkohol im Leben der Matrosen eine wichtige Rolle spielte. Alkohol war nicht nur ein kleiner Luxus, sondern auch eine absolute Notwendigkeit; die Matrosen mussten genügend Flüssigkeit zu sich nehmen, aber das Lagern von Frischwasser auf den Schiffen war keine gute Idee, da es sehr rasch schlecht wurde. Bier, Wein und Spirituosen enthielten zwar Wasser, verdarben aber aufgrund des Alkoholgehalts viel weniger schnell, weshalb man meist diese Getränke für die tägliche Flüssigkeitszufuhr verwendete.

Auch wenn es für die meisten von uns heute nicht wirklich ratsam ist, Wasser durch Alkohol zu ersetzen, sind wir trotzdem dankbar dafür, dass dies auf den Schiffen der Fall war, denn einige unserer liebsten Drinks stammen aus dieser Tradition und würden ohne sie wohl nicht existieren.

Likörweine zum Beispiel würden ohne den Schiffstransport wohl nicht existieren. Matrosen, die auf eine lange Schiffsreise anheuerten, deckten sich jeweils in den Häfen mit Proviant ein, neben Essen natürlich auch mit Wein. Leider verdarb der damalige Wein aber auf den Schiffsreisen oft, weshalb die Produzenten damit begannen, kleine Mengen von neutralem Schnaps in den Wein zu mischen, damit er die lange Reise überlebte. Port, Sherry und Marsala entstammen zum Beispiel allesamt dieser Tradition.

Ein Produkt jedoch stammt nicht nur aus dieser Zeit, sondern entwickelte auch seinen ureigenen Stil aus dieser Schifffahrtstradition heraus, nämlich der Madeira. Madeira, der Wein der gleichnamigen portugiesischen Insel, schuldet sein typisches Geschmacksprofil einem Alterungsprozess, der quasi ganz zufällig auf den Schiffen geboren wurde. Wann immer die Matrosen nämlich zu den „East Indies“ (den südostasiatischen Inseln) segelten, machten sie jeweils auf Madeira Zwischenhalt, um die Fässer mit Wein aufzufüllen. Der dortige Wein war zwar bereits aufgespritet, wurde aber dennoch immer wieder extremer Hitze unterworfen, insbesondere dann, wenn die Schiffe den Äquator überquerten. Er wurde so kühl als möglich gelagert, wurde aber dennoch täglich in der Hitze gekocht, und dann während der Nacht wieder gekühlt. Bei der Ankunft in Südostasien war der Wein dann komplett verändert – aber überraschenderweise schien er in seiner gekochten, oxidierten Art den Leuten gar besser zu gefallen.

Für eine Weile nach dieser Entdeckung alterten die Weinproduzenten ihren Wein deshalb genau auf diese Art auf den Schiffen, und etikettierten und verkauften ihn dann nach der jeweiligen Art der Reise, die er durchgemacht hatte. Der begehrte „vinho da roda“ erzielte jeweils den höchsten Preis, da er derjenige war, der einen „round trip“ über den Äquator gemacht hatte. Dieser Prozess war jedoch äusserst kostspielig, weshalb die Produzenten damit begannen, den Prozess in ihren eigenen Weinkellern zu similieren. Madeiras tropisches Klima war ideal, um den Wein in den Dachstöcken, genannt „Estufas“ zu erhitzen und so zu oxidieren. Bis heute wird diese Tradition für die besten Weine unverändert angewandt – und dies alles wegen eines „Lagerungsunfalls“ auf den Schiffen…

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